Doppelte Anschlussfähigkeit
Anschlussfähig ist eine Wirklichkeitsbeschreibung, die von Menschen bestimmter Gesellschaften als möglich oder sinnvoll akzeptiert wird, weil sie in ihr Weltbild, ihr Denken oder ihre Sehgewohnheiten passt. Doppelt anschlussfähig sind Wirklichkeitsbeschreibungen, die von Mitgliedern verschiedener Kulturen und Kommunikationsgemeinschaften als stimmig angesehen werden.
Die Arbeit „Doppelte Anschlussfähigkeit“ in der Reihe „Spots“ greift diese zweifache Bedeutung auf. Die kulturelle Prägung trägt zur Wahrnehmung des Gezeigten bei: Der*die Betrachter*in sieht eine*n (zu dieser Zeit in der Regel männlichen) Fotografen*in bei Aufnahmen mit einer antiken Kamera. Der*die Betrachter*in sieht eine Frau in einer Burka hinter einer antiken Kamera. Die Dichotomie der Möglichkeiten hinterlässt Irritationen und offene Fragen zu kulturellen Deutungsmustern und Machtstrukturen: Wer blickt durch die Kamera, wer wird angeblickt?
Deutscher Originaltext von Jasmin Holtkötter
Der fortwährenden Diskussion um die Verschleierung der muslimischen Frau wurde durch die erlassenen Verbote in Frankreich und den Niederlanden eine weitere Episode hinzugefügt. Die dadurch beförderte Thematisierung in den Medien vermittelt besonders über die Pressefotografie eine undifferenzierte Bildhaftigkeit der Burka oder Niqab. Diese Fotografien zeigen Bilder von verschleierten Frauen, die durch die Medialisierung Stereotype weiter verstärkt. In Abgrenzung vom Mainstream-Blick der Pressefotografien, versucht sich die zeitgenössische Kunst an einem ambivalenten Blick auf die Verschleierung. Dabei thematisieren die Künstler*innen oftmals den hybriden Charakter des Schleiers, wie beispielsweise die Performance »Niqabitch « von 2011.
Im Video zur Performance sind zwei Frauen zu sehen, die bis zur Hüfte verschleiert sind. Darunter tragen sie Hotpants und laufen auf High Heels entlang des Sitzes der Parti socialiste und etlicher Ministerien durch Paris. Die nicht klar festzumachende Aussage solcher Kunstaktionen kann selbst als ein Metakommentar verstanden werden, der die mediale Hybridisierung des Schleiers in Religion, Politik, Geschichte, Kunst und Mode thematisiert. Auch die fünf Fotografien von Jula Müller untersuchen die Burka auf ihre symbolische Vieldeutigkeit hin.
Der Titel » Doppelte Anschlussfähigkeit« verweist auf das klassische Kippbild: ein Bild mit zwei Bedeutungsebenen, abhängig von der jeweiligen Betrachterperspektive. Zu sehen ist ein/e Fotograf*in unter einem schwarzen Tuch, welche/r durch den Sucher des Apparats ein Objekt anvisiert. Doch schnell wird es erkenntlich, dass es sich bei dem schwarzen Tuch um eine Burka handelt. Worauf sich das Objektiv der Kamera richtet bleibt jedoch unklar; auch lässt der weiße Hintergrund keine Kontextualisierung zu. Der Apparat selbst erlaubt aber eine zeitliche Verortung. Es handelt sich um eine Laufbodenkamera, die Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und auch als Reisekamera verwendet wurde. Diese zeitliche Komponente verweist, im Zusammenhang mit der Burka, auf die historischen Orient-fotografien: Auf Reisen wurde im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert der europäische Blick auf den sogenannten Orient festgehalten. Im Zuge dessen entstanden »Orientbilder «, die das Leben im fernen Fremden zeigen sollten.
Eines der Motive waren die dort lebenden Frauen.
Der Schleier verdeckt den Frauenkörper, mystifiziert ihn und wird so zur erotisch-exotischen Projektionsfläche des westlichen Blickes. Dieser von Edward Said konstatierte » Orientalismus1 äußert sich demnach unter anderem in der Skopophilie - der Lust am Schauen. Die Fotografie »Doppelte Anschlussfähigkeit« kehrt das Sehen-auf-Etwas um und lässt nun die sooft porträtierten Frauen selbst hinter der Kamera stehen. Wie Susan Sonntag es treffend formulierte, bedeutet » Fotografieren [...] sich das fotografierte Objekt an[zu]eignen. Es heißt sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzten, die wie Erkenntnis- und deshalb wie Macht- anmutet. «2 Sie löst sich aus ihrer Rolle des passiven Objektes und wird selbst zum aktiven Subjekt. Doch welches Motiv die Frau wählt, bleibt zunächst offen.
Während auf der arabischen Halbinsel die Augen durch ein hauchdünnes Tuch bedeckt werden, welches sich wie ein Filter auf das Gesehene legt, wird in Afghanistan überwiegend eine blaue Burka mit Gittersichtfeld getragen. Wie die Umwelt durch eine Burka zu sehen ist, zeigen drei weitere Fotografien. Hier wurde die Burka auf das Objektiv gelegt, um den Blick durch sie hindurch zu simulieren. Das Gitter erzeugt schwarze Leerstellen im Sichtfeld. Dieser technische Blick ist jedoch nicht mit dem menschlichen gleich-zusetzen, da mögliche Störungen im Gesichtsfeld durch das Gehirn nivelliert werden. Die kleinfor-matigen Fotografien suggerieren gleichsam, dass es sich hierbei um die Bilder handelt, die die Frau mit dem Apparat aufgenommen hat. Doch diese Narration erscheint im zweiten Moment unlogisch und zugleich unheimlich, da das Gitter auf dem Foto nicht zu sehen sein dürfte. Somit nimmt die Kamera eine Egoperspektive an, welche durch die Präsenz des Gitters doppelt betont wird.
Eine weitere Introspektive zeigt die letzte Fotografie. Das einfallende Licht legt sich wie leuchtender Nebel auf das Tuch der Burka und lässt es sakral und gleichsam bedrohlich wirken. Dieser Blick in die leere Burka stellt sie als etwas Bewohnbares dar; als eine Hülle, die vor der Außenwelt schützt aber gleichzeitig auch von dieser trennt.
Die Fotografien beziehen keine offenkundige Stellung zur Burka oder auch allgemein zur Verschleierung. Vielmehr weisen sie aber auf die unterschiedlichen Bedeutungsebenen und den symbolischen Charakter hin, die im Kontext der Debatten um den Schleier und der Verschleierung mitschwingen. Zugleich stellen sie ein Gegengewicht zu den vorherrschenden Pressefotografien dar und kommentieren die medialen Momente, die die orientalistischen Betrachtungsmuster aufgreifen und zu aktuellen Bildern von Musliminnen konfigurieren.
1 Der Begriff des Orientalismus bezeichnet eine Geisteshaltung, geprägt von Vorurteilen und Neigungen, gegenüber dem »Orient « und ist demnach als eine spezifische Form von Rassismus und Kulturalismus zu kritisieren. Hierzu: Said, Edward W.: Orientalism. London, New York 2003.
2 Sontag, Susan: Über Fotografie. Frankfurt am Main 2008, S.10.